Irkutzk/Russland

Listwjanka, Baikalsee/Russland

Taschkent/Usbekistan

Alma Ata/Kasachstan

Achschabad/Turkmenien

Freitag 25. Mai 1990: Von Moskau nach Achschabad (Turkmenien)

Der Wecker reißt uns Viertel vor sechs aus dem Schlaf. Für unser Frühstück aus süßen Stückchen und Pulverkaffee haben wir am Vorabend selbst gesorgt. Die Etagenfrau ruft das Taxi und kurz darauf sind wir auf dem Weg zum Flughafen Domodedovo. Der Weg dorthin beträgt etwa 50 Kilometer; er führt, nachdem wir die Trabantenstädte hinter uns gelassen haben, durch Weiden und Laubwälder. Zehn Rubel kostet diese Fahrt, ein Bruchtei dessen, was für den „Transit“ mit Intourist zu entrichten hatten. Der teure Gutschein verfällt.

Domodedovo bedient die innersowjetischen Langstrecken. Die Flughafengebäude besitzen wenig Ähnlichkeit mit dem moderen, aufgeräumten Scheremetjewo 2, sie wirken desolat, zerbröckeln bereits. Wir orientieren uns an der Anzeigetafel und warten zusamme mit europäisch, türkisch und mongolisch wirkenden Fluggästen. Etliche scheinen vom Land zu kommen, manchen haftet Stallgeruch an. Als der Schalter öffnet, werden wir sogleich zum Intouristbüro geschickt, denn das staatliche Monopolunternehmen hat alle nichtsowjetischen Reisenden zu betreuen. Mit einem Bus gelangen wir zu einer weiteren Abfertigungshalle. Hier herrscht das Chaos. Die Schalter sind nicht gekennzeichnet und Passagiere verschiedener Flüge drängen sich gleichzeitig, bepackt mit zahlreichen sperrigen Koffern und Schachteln, nach vorn. In dem Durcheinander gelingt es uns nur mühsam, uns bemerkbar zu machen, und so ziemlich als Letzte kommen wir durc die Gepäckkontrolle und zum Bus zu der dreistrahligen Tupolew 154. Leider sind die Mitreisenden an der Landschaft nicht interessiert, die Fenster der Maschine werden erbarmungslos abgedunkelt. Meine Sitznachbarin reist mit ihrer klenen Tochter auf dem Schoß. Säter teilen wir uns ein Tablett, es ist verdammt eng. Ein alter Mann aus Turkmenien beschenkt die Kleine und auch uns mit getrockneten Aprikosen und gerösteten Mandeln auseinem Reiseproviant.

Mit einer halben Stunde Verfrühung landen wir auf dem Flughafen von Achschabad, der Hauptstadt Turkmeniens. Es ist gleißend hell und heiß, von der Karakumwüste weht ein trockener Wind herüber.

Während wir noch auf das Gepäck warten, spricht uns ein Intourist-Mitarbeiter an. Der PKW für den „Transit“ zum Hotel Achschabad steht, anders als in Moskau, schon bereit, und auf der Fahrt dorthin erfahren wir Einzelheiten des örtlichen Intourist-Programms. Unser Zimmer im 5. Stock ist eine herbe Enttäuschung. Das Hotel, Ende der Sechziger gebaut, ist eine Ruine. Die spartanische Einrichtung des Raums ist vernutzt, verschlissen, verschmutzt. Immerhin funktioniert die Toilettenspülung, das kalte und warme Wasser und eine Leuchtstoffröhre an der Decke. Das Badezimmer stinkt, die Türe dorthin klemmt und läss sich nicht ganz schließen, der Türrahmen ist feucht und vom Holzschwamm zerfressen. Von der Decke bröselt der Anstrich. Die Reste des Teppichbodens starren vor Schmutz, stellenweise haben sie sich von der Unterlage abgelöst. Vom Balkon geht der Blick auf die Hauptstraße von Achschabad; es wird eine laute Nacht werden.

Das Intouristprogramm wirkt nicht uninteressant, aber die Preise sind hoch: Ausflug zum „unterirdischen See“ (89 US-Dollar) oder in eine „Bergschlucht“ (32,50 US-Dollar), Stadtrundfahrt, Besuch des Botanischen Gartens, des Museums für Bildende Kunst, des Historischen Museums oder der Ruinen Niša (je 21,50 US-Dollar). Die Preise gelten für zwei Personen, Intourist stellt einen PKW mit Fahrer und einen deutschsprachigen Betreuer bzw. Dolmetscher.

Nachdem uns klargeworden ist, dass der Zustand underes Zimmers keine Ausnahme ist, finden wir uns damit ab. Wir unternehmen einen ersten Spaziergang in die Stadt. Die Straßen sind schachbrettartig angeordnet, breit, gesäumt von doppelten, mitunter drei Baumreihen. Zwischen Straße und Gehsteig sind offene Bewässerungsrinnen aus Betonfertigteilen verlegt, die Aryks. Das Wasser aus den Gräben verdunstet und erzeugt bei über 30°Grad Celsius ein schwül-heißes Kleinklima. Wir schwitzen. Überall begegnen wir Mädchen und Frauen in knöchellangen, meist einfarbigen Kleidern in leuchtendem Purpur, Weinrot, Dunkelblau und Grün. Alle tragen bunte Kopftücher. Die Gesichtszüge sind sehr unterschiedlich, wirken türkisch, iranisch oder mongolisch. Jungen und Männer legen keinen Wert auf traditionelle Kleidung, mit Ausnahme von ein paar Alten mit überdimensionalen zotteligen Schaffellmützen. In den Hauptstraßen sind Getränkeautomaten aufgestellt, ein Glas kostet drei Kopeken. Man spült eines der beiden Gläser über einer kleinen Wasserfontäne, füllt es dann mit Limonade, trinkt aus und stellt es wieder an seinen Platz. Wir entdecken ein Restaurant mit Teeausschank. Gläser, Tische und Stühle sind reichlich schmutzig, der heiße grüne Tee belebt. Getrennt Abteilungen für Männer und Familien, wie wir es ein Jahr zuvor in der Türkei kennengelernt haben, gibt es hier nicht.

Für 19 Uhr hat Oleg, einer der Intouristbetreuer, das Abendessen im Hotel Achschabad reserviert. Als Getränk bietet die Kellnerin ausschließlich Sekt an, Wein, Bier und sagar Pepsicola gibt es nicht. Schließlich erhalten wir einen Krug eines gekühlten, sehr wohlschmeckenden Fruchtsaftgetränks, das beinahe auf jedem Tisch steht. Während wir die ersten Bissen zu uns nehmen, legt die Band infernalisch laut mit Evergreens los und jegliche Unterhaltung ist wirksam unterbunden. Am größten Tisch des Restaurants feiert eine Hochzeitsgesellschaft.

 

Samstag 26. Mai 1990, Achschabad

Das war ein gelungener Tag. Frühstück nach 9 Uhr mit Graubrot, Käse, Quark und einer undefinierbaren Marmelade. Dann gemächlich zu Fuß durch die Stadt zum Botanischen Garten am Westrand von Achschabad. Unterwegs begegnen wir einer tirkmenischen Hochzeit, mit viel Gehupe fährt die Gesellschaft, auf etliche Autos verteilt los, aus den Fenstern hängen bunte Tücher. Der audgedehnte Botanische Garten (Eintritt 20 Kopeken) hat mit den uns bekannten Einrichtngen gleichen Namens nur bedingte Ähnlichkeit. Eine Übersichtstafel am Eingang weist Sektionen mit Pflanzen bestimmter Länder aus, aber der erste Eindruck ist der einer homogenen, durchaus reizvollen Wildnis. Unter den Büschen wachsen besonders große, runde, gelbblühende Walderdbeeren, leider schmecken sie fad und werden nur selten gegessen. Auf einer Bank im Schatten sitzend lassen wir die Umgebung auf uns wirken. In etlichen Bäumen und Sträuchern sind Pappeschilder mit den lateinischen Namen befestigt, darunter und dazwischen wächst was wachsen will. Viele uns unbekannte Vögel sind kurz zu erblicken, meist nur zu hören. Auf unserem Weg gelangen wir dann zu einer kahlen, sandigen Lichtung, auf der sich lediglich ein paar bescheidene blattlose Sträucher verteilen. Die Schilder bestätigen unseren Verdacht: Wir sind in der turkmenischen Abteilung auf den weißen und schwarzen Saxhaul gestoßen, Sträucher der Karakorum- und Kysilkumwüste. Während wir noch über diese Entdeckung staunen, kommt eine Familie daher und ein etwa fünfjähriger Knabe ruft beim Anblick der turkmenischen Charakterpflanzen entsetzt „plocha!“ (hässlich!) aus. Nur an wenigen der Saxhaulsträucher finden wir die winzigen, rötlichen Blüten, häufiger die die eigenartgen Knäuel  der roten oder gelben Früchte. In den Zweigen turnen große graugrüne Käfer. Im Ostteil des Parks ist das Palmenhaus, davor eine Rabatte mit prächtigen, gelb und rot blühenden Opuntiensträuchern. Etliche weitere Gewächshäuser dienen der Zucht von Schnittblumen wie Gladiolen, Nelken und Aronstab, keine typische Aufgabe für einen Botanischen Garten. Auf dem Rückweg zum Eingang passieren wir drei Becken mit rosafarbenen, roten und gelben Seerosen, dazu gelben Teichrosen. Fette grüne Frösche quaken und verstummen beim Näherkommen. Im Wasser schwimmen tausende kleiner Fische, Gambusen aus der Verwandtschaft der lebendgebärenden Zahnkarpfen. Als wir den Botanischen Garten verlassen ist es 14 Uhr und wir sind hungrig. Die Türsteherin eines nahegelegenen Hotelrestaurants weist gebieterisch russische Gäste vor uns ab und damit ist diese Idee im Keim erstickt. Ein paar Schritte weiter finden wir ein turkmenisches Restaurant mit Garten. Die Bezeichnung Café ist irreführend. Man stellt sich vor einen Tresen in der Küche an und hat die Wahl zwischen einer Brotsuppe mit Hühnerbrühe und Pilav mit etwas Rindfleisch und Karotten. Die Portionen schöpft die Köchin aus riesigen Kesseln. Sie kassiert einen Rubel pro Portion. Ohne die Kanne grünen Tees würde mir der Pilav bei dieser Hitze im Hals steckenbleiben. Uns beeindruckt, in welch schweinischem Zustand Einheimische, besonders männliche, turkmenische Jugendliche, die Tische verlassen und schließen daraus, dass die häusliche Abeitsteilung zwischen Mann und Frau noch sehr unterentwickelt sein dürfte.

Eine halbe Stunde später ereichen wir den privaten Markt, hier Basar genannt. Das Angebot ist reichhaltig, aber gemessen am Durchschnittseinkommen teuer. Es gibt Kartoffeln, Rote Beete, Spinat, Maulbeeren, Äpfel, Kräter, Auberginen, Walnüsse, Haselnüsse, Tomaten, Gurken, Paprika, getrocknete Aprikosen, Rosinen, Geflügel. Alles wird sorgsam zur Schau gestellt, Gemüse und Geflügel besprengt man von Zeit zu Zeit mit Wasser. Am Ausgang parkt ein Tankanhänger und am Ventil sitzt ein Verkäufer und schenkt eine dunkelbraune Flüssigkeit in Gläser und Maßkrüge ein. Der Andrang ist enorm, wir stellen uns an.

Das Hotelrestaurant lässt heute nur Gäste mit Reservierung ein, wir gehören dazu. Heute ist sowohl Mineralwasser als auch Pepsicola erhältlich, aber nicht dsas köstliche Fruchtsaftgetränk vom Vortag. Wir probieren den Sekt, der hier so reichlich genossen wird und aus Aserbeidschan kommt. Das Essen ähnelt dem des Vorabends, schmeckt aber vorzüglich. Bevor die Brachialmusiker losdonnern, was offenbar nur ein paar Ausländer stört, flüchten wir aus dem Saal.

 

Sonntag, 27. Mai, von Achschabad zum Barcharden-See

Um 10 Uhr vormittags holen uns die Dolmetscherin von Intourist und ein Fahrer mit einem beigen, etwas betagten Wolga vom Hotel ab. Unser Ziel ist der „unterirdische See“ aus dem Intourist-Programm, der Barchardensee in  der Nähe des gleichnamigen Orts, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Achschabad im Kopetdaggebirge. Die Fahrt führt die meiste Zeit am Karakumkanal entlang, der die landwirtschaftlich genutzten Flächen am Fuß der Berge bewässert. Am Straßenrand fallen rote, orange, gelbe und grüne Tamariskensträucher auf. Am Fuß des Kopetdag erkennen wir die Befestigungen der sowjetisch-iranischen Grenze, die dem Anschein nach gut bewacht wir. Die Soldaten der sowjetischen Grenztruppe erinnern mit ihren breitkrempigen Hüten und der hellen, sandfarbenen Uniform an amerikanische Pfadfinder.

Der Fahrstil unseres turkmenischen Fahrers verdient die Bezeichnung „kompromisslos“. Der Tacho zeigt 80, doch unserem Gefühl nach fahren wir zeitweise gut 100 Stundenkilometer, zu schnell für die Straße. Er überholt gutgelaunt auch bei Gegenverkehr, wir könnten die entgegenkommenden Wagen mit der Hand berühren. Bei einer Bodenwelle hebt unser Wolga ab, wir knallen mit den Köpfen an den Himmel, aber es bleibt beim Schrecken. Unsere Intouristbegleiterin scheint sich nicht zu fürchten. An einem Abzweig bremst unser Chauffeur im letzten Moment heftig und biegt mit kreischenden Reifen ab. Kurz darauf erreichen wir einen Parkplatz am Fuß eines Felsrückens und sind am Ziel. Mit Hilfe von Intourist passieren wir den umlagerten Eingang zur Höhle, unsere Begleiter bleiben hier zurück, und wir laufen die kaum beleuchtete Treppe zum unterirdischen See hinab. Hier sind wir alles andere als allein. Am Geländer einer Terrasse lehnen Frauen und Männer in Badekleidung, im vorderen Tei des Sees, der lang und schmal und tief eine gewaltige Felsspalte ausfüllt, planschen einige Dutzend Badegäste. Niemand schwimmt weit hinaus, die fast vollständige Finsternis hält davon ab. Wir können dem Treiben nicht viel abgewinnen und machen uns bald wieder an den  Aufstieg. Erst jetzt wird uns bewusst, welch tropische Schwüle hier herrscht. Das Mineralwasser des Sees ist bis zu 37°C warm. Im Dämmer des Höhleneingangs schauen wir eine Weile den Spatzen, Tauben und Fledermäusen zu, die hier nisten. Wir drängen uns ins Freie und die Bewacher am Tor zur Höhle Kor-Ata (Vater der Höhlen) lassen neue Gäste ein.

Mit mehreren PKWs ist eine turkmenische Hochzeitsgesellschaft auf dem Platz vor der Höhle eingetroffen und stellt sich zum Gruppenbild auf. Die total verschleierte Braut wirkt stocksteif in ihrer Prachtkleidung. Die Frauen tragen die typischen bunten, knöchellangen, turkmenischen Kleider, an den Männern fallen am stärksten die ausladenden weißen oder schwarzen Schaffellmützen auf. Die Gesellschaft gruppiert sich alsbald zu zwei Kreisen, traditionelle Musik plärrt aus mitgebrachten Lautsprechern, Frauen und Männer tanzen getrennt. Aber nicht lang, nach ein paar Minuten ausgelassenen Treibens steigen sie wieder in die Autos, die Männer teilweise reichlich betrunken, und verschwinden in der Wüste.

Die Turkmenen sprechen dem Wasser des unterirdischen Sees heilkräftige und fruchtbarkeitsfördernde Wirkungen zu, so wurde uns erzählt. Doch die Hochzeitsgesellschaften, die an den Wochenenden zahlreich hierher kommen, nutzen den Berg mit der Höhle heute nur noch als Kulisse für ein paar Fotos, die Brautleute steigen nicht mehr ins Bad.

Zurück im Hotel setzen wir das Gespräch mit unserer Intourist-Betreuerin fort. Sie versichert uns unter anderem, dass die Nationalitäten in Turkmenien friedlich zusammenleben, sich bereits erheblich vermischt haben und Aufbrechen von Konflikten wie zwischen Armeniern und Aserbeidschanern nicht zu befürchten ist. Wir hoffen, sie möge recht behalten.

Am Nachmittag besuchen wir das historisch-ethnografische Museum von Achschabad. Die Exponate stammen zum größten Teil von Ausgrabungen in Nis. Die Sammlungen wirken sehr gepflegt und die Präsentation ist professionell. Wir erhalten eine Führung in deutscher Sprache. Durch den Saal mit deutschen Beutestücken der Sowjetarmee, sowjetischen Waffen und Propagandaplakaten aus dem großen vaterländischen Krieg möchte uns die liebenswürdige Führerin möglichst schnell hindurchlotsen, wohl aus Rücksicht auf die Gefühle der westdeutschen Gäste. Doch wir haben sehr viel Verständnis für diesen Raum. Erst vor drei Wochen wurde eine Ausstellung über den Islam in Turkmenien eingerichtet. Dies fügt sich in die Bemühungen ein, den nationalen Besonderheiten, inklusive Religion und Sprache mehr Raum zu geben. Beispielsweise lernen russische Kinder auch turkmenisch. Auch wurde beschlossen in Achschabad eine Moschee zu bauen.

Beim Abendessen im Hotel erwartet uns eine Überraschung. An unserem Tisch nehmen zwei Herren aus der DDR Platz, Angestellte einer großen Landmaschinenfirma. Wir kommen ins Gespräch, über die Sowjetunion, die beiden sind viel herumgekommen, und schließlich über die Einverleibung der DDR durch die BRD. Wir freuen uns aufrichtig DDR-Menschen kennenzulernen, die den Fehlern des Westens ebenso kritisch gegenüberstehen, wie denen des Realen Sozialismus. Am Mittwochmorgen werden wir einen der beiden wiedertreffen, in der Maschine nach Taschkent.

 

 

FORTSETZUNG FOLGT

Moskau/Russland

Eine Reise in die Sowjetunion – Reisenotizen Mai und Juni 1990

Prolog: Das Frankfurter Büro von Intourist bedindet sich im Zentrum, unweit der Zeil, in der Stephanstraße. Dies herauszufinden war nicht schwer. Nicht so einfach war es hingegen, in dieses Büro hineinzugelangen. Denn immer, wenn wir hier vorbeikamen, fanden wir es veblüffenderweise verschlossen vor, selbst zur besten Geschäftszeit.

Heute, an einem trüben, nasskalten Vormittag im Januar, würde es gelingen. Der Pförtner am Nachbarportal hatte uns das Geheimnis verraten.

Welcher Beschäftigung der Herr von Intourist auch immer nachgegangen war, auf den Anruf des Pförtners eilt er herbei, ein mittelgroßer, untersetzter, silberhaariger Mann im eleganten, grauen Anzug.

Nun, das Intouristangebot an Reisen in die Sowjetunion ist schnell erklärt, die wenigen Prospekte sind im Nu verteilt. Keine Reise länger als zwei Wochen? Der Herr von Intourist reagiert erstaunt, beinahe schockiert. „Was wolle Sie denn länger als zwei Wochen in der Sowjetnion?“ Unser Unverständnis beginnt ihn ärgerlich zu machen, ungeduldig wippt er auf den Zehen, vielleicht denkt er an die Tätigkeit, bei der wir ihn unterbrochen haben.

Da wollen wir ihn nicht länger stören.

Sonntag 20. Mai 1990: Von Frankfurt nach Moskau

Flughafen Frankfurt am Main. Ein Bus bringt uns vom Warteraum zum Flugzeug. Wir sind eingekeilt zwischen den unterschiedlichsten Reisegruppen, Gefolgschaft ihrer Reiseleiter. Wir: Eva (32) und ich (39) sind auf diesem Flug nach Moskau die Ausnahme, den wir sind „Individualtouristen“ oder „Individuals“, wie uns die Leute von Intourist und das Hotelpersonal in den nächsten vier Woche nennen werden. Man lässt uns bei einer stattlichen, vierstrahligen Aeroflot-Maschine aus dem Bus steigen, einer Iljuschin, dem sowjetischen Jumbo. Gepäckidentifikation. Die Reise kann beginnen.

Der Landeanflug führt über Wälder und gewundene Flüsse mit Passagierdampfern. Wir kommen auf Scheremetjewo 2 an, einem ganz normalen, internationalen Flughafen. Zwischen Gepäckband und Zoll sind Gepäckwagen zu haben, aber nur gegen einen Rubel das Stück. Rubel, die man an dieser Stelle noch nicht haben darf. Also tragen wir unsere Taschen und Koffer. Der Zoll fertigt zügig ab. Ein flüchtigrer Blick in die Fototasche, die beiden Kameras sind in der Zollerklärung nachzutragen. Reiseleiter von Intourist suchen ihre Schützlinge, sprechen uns an, doch wir stehen nicht auf ihren Listen.

Wir mussten einen ziemlich teuren „Transit“ vom Flughaen zum Hotel buchen und den wollen wir nun wahrnehmen. Intourist schickt uns zur Information, die Information telefoniert mit dem Moskauer Büro unseres Reiseveranstalters Olympia, schickt uns daraufhin wiedrer zum Intouristschalter. Dort wird dan widerwillig ein Taxifahrer außerplanmäßig beauftragt, uns zum Hotel Rossija zu bringen. Mit einem klapprigen Wolga geht die Fahrt im Höllentempo ohne Zeichengebung, alle drei Richtungsfahrbahnen nutzend, erst durchs Grüne, dan durch schäbige Vorstädte, schließlich ins Zentrum von Moskau. Das Hotel Rosija (Russland) ist ein gewaltiger quadratischer Bau mit Innenhof und aufgesetztem Turm. Unser Zimmer liegt im 10. Stock, Ostflüge. Dort angekommen ändert die Etagenfrau den Hotelausweis: 7. Stock, Nordflügel. Etwas konfus schleppen wir unser Gepäck den Umweg über den Südflügel. Das Zimmer: Brauchbar, aber etwas schäbig, abgenutzt.

Nach dem Geldwechseln (200 DM, gut 600 Rubel werden für 4 Wochen reichen) machen wir uns auf die Suche nach einem Abendessen. Die Suche führt uns in ein Restaurant im 2. Stock, Ostflügel. Niemand bewacht den Eingang, wir setzen uns und werden von allen Bedienungen ignoriert. Eine Kombo spielt Kitsch, es wird getanzt, ein paar kleinere Gesellschaften lärmen gutgelaunt. Die Männer wirken ziemlich grau in ihren Anzügen, was man von den Frauen, oft in sexbetonter Ausgehkleidng oder im Discodress, angesichts üppiger Figuren recht gewagt, nicht behaupten kann. Wir geben auf, fahren in das Nobelrestaurant im 21. Obergeschoß. Am Eingang werden wir abgewiesen, betreten mit anderen Gästen dennoch das Restaurant, tragen wechselnden Kellnern unseren Wunsch nach Bewirtung vor und warten. Die Mühe lohnt sich, wir erhalten schließlich enen Tisch mit Blick auf die Moskwa und kurz darauf werden Speisen aufgetragen, von denen wir nicht genau wissen ob wir sie bestellt haben: Etliche Schüsselchen und Teller mit geräuchertem Fisch, verschiedenen Wurst- und Bratensorten, Kaviar, süßsauer eingelegte Birnen, Weiß- und Schwarzbrot, zuvie für zwei Personen unserer Art. Mit Sichheit ausgewählt haben wir nur den Wein, Rotwein von einer moldawischen Sowchose. Pepsicola und Mineralwasser, bereits geöffnet, sind ergänzende Pflichtgetränke. Im 21, Geschoß, im Turmrestaurant, herrscht verschärfte Discostimmung. Falls gewagtere Outfits der Damen registriert werden, geschieht es ohne äußere Anzeichen. Dann kommt die Rechnung: 95 Rubel, etwa die Hälfte eines sowjetischen Monatsgehalts, ein Preis, den wir hinfort stark unterschreiten werden. Etwa angeheitert von dem ausgezeichneten Rotwein gehen wir Schlafen

Montag 21. Mai 1990

Bedauerlich, das Frühstück muss bis 8.30 Uhr angetreten werden. Am Büfett – Zutritt nur für Olympia-Kunden – ist reiche Auswahl, darunter ausgezeichnete Butter, feiner Quark, Pfannkuchen, Zwetschgensaft. Unter den Gästen sind viele Geschäftsreisende, Westdeutsche, Österreicher, US-Amerikaner, kenntlich an ihren grauen „Uniformen“.

Im Freien ist es kalt, 10 bis 12 Grad Celsius, trotz weißer Schönwetterwolke vor blauem Himmel. Auf der Westseite des Hotels treffe wir auf eine Art Demonstration. An der Zufahrt sind vielleicht 150 Personen, meist ältere Frauen, mit Transparenten und Schildern aufgereiht. Ihre Unterstützung gilt der Kanditatur Boris Jelzins für den Vorsitz des Obersten Sowjets der Russischen Förderation und der Unabhängigkeit Litauens,unmittelbare Adressaten sind die Delegierten des Kongresses, die im Rossija wohnen und im Kreml tagen. Es geht friedlich zu, nur wenn höhere Ränge des Militärs vorbeihasten, erregen sich die Demonstrantinnen.

Der Rote Platz ist noch von der Miliz gesperrt, er wird 5 nach 10 für Besucher freigegeben. Es herrscht mäßiger Betrieb, da das Mausoleum des bedauernswerten Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt LENIN, montags geschlossen bleibt. Erschreckend ist der Zustand der Fassaden und besonders der Höfe in der Umgebung des Kremls, die voller Bauschutt und Gerümpel liegen. Die Gebäude haben alte, dutzendfach ünerlackierte, schmutzige Fenster. Überall bröckelt der Putz. Wie wird es in der Provinz aussehen, wenn das hier das Zentrum ist?

Als leicht verwittert erweisen sich aus der Nähe auch die bemalten Fassaden der Basilius-Kathedrale, mit ihren exotischen, bunten Märchentürmen.

An der Kremlmauer entlang der Moskwa treffe wir auf eine Schar Nebelkrähen. Am tiefhängenden Zweig einer Pappel baumelt eine davon, wie erhängt. Aber gleich zeigt sich, dass sich dieser Vogel ein Kunststück ausgedacht hat, um mit einem Bein festgeklammert an irgendwelche Knospen zu kommen. Der Milizionär, der dort Wache steht, kennt die Nummer schon: Er lächelt.

Als wir auf der Kammenyi-Brücke die Moskwa überqueren, beginnt Schneeregen. Zurück beim Rossija haben wir Hunger, Auftakt zur Suche nach einem Restaurantplatz. Der Türsteher der Gaststätte des Westflügels schlägt als Voraussetzung für den Einlass eine Schachtel Zigaretten vor. Wir haben weder Zigaretten noch Kleingeld. In dieser Situation siegt der Hunger über die Prinzipien, der Unverschämte bekommt einen  Zehnrubelschein. Drinnen weist uns der Chefkellner darauf hin, dass alles, aber auch wirklich ales reserviert sei. Das weitgehen leere Lokal wirkt nicht danach. Diesmal dominieren die Prinzipien. Nach einer Pause auf dem Zimmer landen wir schließlich in einer der Etagen-Cafeterias, die um 14 Uhr endlich wieder öffnen.

Nachmittags begeben wir uns zu Fuß zum Arbat, der berühmten Moskauer Fußgängerzone. Es herrscht Betrieb: Fußgängegedränfe, Straßenmaler, Gemäldeausstellungen, Holzpuppenverkäufer, Kinderfotografen. Den Rückweg nehmen wir über den Kalininprospekt und durch den Alexandergarten an der Kremlmauer, vorbei am Grab des Unbekannten Soldaten. Frischvermählte kommen gewöhnlich hierher und legen ihre Stäuße nieder. Die Blumen zeugen davon, doch Brautpaare sind um diese Zeit nicht in Sicht. Aber immer wieder bleiben Besucher und Passanten mehr oder weniger andächtig stehen. Mütter führen ihre Kinder hierher, die Söhne nehmen Haltung an, eine Frau bekreuzigt sich zusätzlich. Am nächsten Tag liegen hier und auf den Gedenksteinen für die im Zweiten Weltkrieg zerstörten sowjetischen Städte neue Kränze und frische Blumen.

Zurück im Hotel suchen wir unsere Olympia-Betreuer auf, die dort während einer Messe Sonderschichten schieben und erfahren, dass Restaurantplätze prinzipiell bereits am Morgen reserviert werden sollten. Sie wollen uns für den Abend noch einen Platz verschaffen und versuchen uns bei einer eben eingetroffenen Gruppe österreichischer Geschäftsleute unterzubringen. Dieses Vorhaben ist gut gemeint, scheitert aber am heftig protestierenden Personal und endgültig am bulligen Geschäftsführer des Kellerlokals mit Ausblick auf einen Swimming Pool. Unser Abendessen erhalten wir in einer Etagencafeteria, diesmal im 4. Stoc, einfach und billig.

Dienstag 22. Mai 1990

Im Frühstücksraum ist Hochbetrieb: Graue Dienstanzüge überall, kaum ein bunter Fleck – kein guter Anfang. Die beiden Olympiabetreuer sind da und Alexandra schlägt uns ein ganz besonderes Restaurant für den Abend vor, das Kropotskaja in der Straßé gleichen Namens. Noch ziemlich verschlafen stimmen wir zu, etwas unangenehm von der Information berührt, dass dort ausschließlich mit Scheckkarte bezahlt wird, durchschnittliche Sowjetbürger folglich keinen Zutritt haben. Wir einigen uns darauf, für unsere Hinfahrt selbst zu sorgen.

Die Sonne scheint heute morgen, es ist etwas wärmer als an den Vortagen, leider nur für kurze Zeit.

Im Hotel Intourist, am Eingang zum Marx-Prospekt, befindet sich die Buchungsstelle für Stadtrundfahrten und andere Besichtigungsangebote. Wir können uns informieren, Anmeldung und Bezahlung ist jedoch erst 15 Minuten vor Fahrtantritt möglich. Auf dem Weg zum Kreml werden wir angehalten und treffen so einenn Taxifahrer wieder, mit dem ich bei der Ankunft am Flughafen ein paar Worte gewechselt hatte. Er will uns wohl fahren, lädt uns vielleicht auch ein. Wir sind unschlüssig, fühlen uns überrumpelt, das freundliche, offene Gesicht lässt eine totale Absage aber ncht zu und so verabreden wir uns für den nächsten Morgen 10 Uhr am Südeingang des Rossija. Unser Bekannter könnte uns zu einem der Kolchosmärkte oder zu den 3 Bahnhöfen um den Komsomolskaja-Platz fahren.

Der Kreml ist gepflegter als alles, was wir in Moskau bisher gesehen haben. Hier drängen sich internationale und sowjetische Touristen auf dem Kathedralenplatz. Es wird fotografiert und gefilmt was das Zeug hält. Die Partei- und Regierngsgebäude bleiben Touriste natürlich verschlossen. Ein Lenindenkmal nahe der Kremlmauer über der Moskwa wird weniger frequentiert. Eine kleine Gruppe US-amerikanischer Exilrussen lichtet sich gegenseitig vor dem sitzenden, nachdenklich, fast schwermütig dreinblickenden Lenin ab. Eine Schulklasse, 9- oder 10-jährige Kinder mit ihren Lehrern sammelt sich und nach einer kleinen Pause stürmen Mädchen und Jungen die dunkle, polierte Steinfassade des Denkmals und legen Blumen nieder. Die US-Russen verteilen gönnerhaft Bonbons.

Es ist Zeit an die Ernährung zu denken. Wir planen, eines der kooperativen Lokale auf dem Arbat aufzusuchen, 7 oder 8 waren uns aufgefallen. Doch wir kommen zu früh, die ersten 3 mit Sitzplätzen sind noch nicht geöffnet. Schließlich finden wir Plätze in einem kleinen, schicken Bistro mit, für sowjetische Verhältnisse, gesalzenen Preisen.

Auf dem Arbat und in einigen Unterführungen betteln Zigeunerinnen mit ihren Kindern. Die Kleinen sind sehr offensiv, sie klammern sich beispielsweise an das Bein eines Touristen in der Hoffnung auf etwas Geld. Die Passanten wirken gerührt und betroffen.

An der Treppe einer einer Fußgängerunterführung am Kalinin-Prospekt verkauft eine Frau aus einem Stand Teigtaschen mit einer Fleischfüllung, 2 Stück 1 Rubel. Wir greifen zu und verdrücken unsere Erwerbung in ener Reihe mit etlichen Moskauer Beamten und Angestellten, die ihr Mittagessen in aller Eile einnehmen.

Beim Hotel Intourist schließen wir uns einer deutschsprachigen Stadtrndfahrt (2 1/2 Stunden) mit Haltepunkten am Roten Platz, dem Moskwa-Ufer gegenüber des Kreml beim Jungfrauen-Kloster und in den „Leninbergen“, dem Moskwa-Steilufer in der Nähe der Universität. Die Füherin ist routiniert, vermeidet Plattheiten. Am Rande informiert sie mit ein paar Bemerkungen über das „gesunkene Ansehen der KPdSU“, die Gründung bürgerlicher Parteien wie Kadetten (konstitionelle Monarchisten), Liberale und Sozialdemokraten, das Existenzminimum (70 Rubel pro Person und Monat), Studienbedingungen (Aufnahmeprüfung, danach billiger Platz im Wohnheim und 50 Rubel monatlich), den Mangel an Restaurants und die hohen Preise der Kooperativen-Restaurants. Die deutschsprachigen Gäste aus der BRD, der DDR, Österreich und der Schweiz finden auf jeden Fall ihre Vorurteile bestätigt und johlen ein paar Mal befreit auf.

Zurück im Rossija wollen wir uns bei Olympia vergewissern, dass die Reservierung im exklusiven Kropotskaja für das Abendessen erfolgreich war. Da Alexandra noch nicht da ist, entschließen wir uns, das Lokal ohne dieses Wissen aufzusuchen. Wir gehen zu Fuß und kommen mit geringfügiger Verspätung an. Der Türsteher zückt zwei handgeschriebene Reservierungslisten: Unsere Namen sind nicht dabei. Schade, woh ein Fehler, wendet sich ab. Auch heute werden wir unser Abendessen in einer Hotel-Cafeteria einnehmen, diesmal freilich im 8 Stock.

Mittwoch 23. Mai 1990

Beim Frühstück sagt uns Alexandra, dass sie die Plätze im Kropotskaja tatsächlich bestellt hat. Unsere Betreuer wirken etwas niedergeschlagen. Sie wollen sicherlich das Beste, erreichen es aber nicht. Wir kommen überein, Plätze in irgendeinem Restaurant des Rossija zu buchen.

Unser Taxifahrer, von dem wir glauben, er käme ganz bestimmt zum Treffpunkt, ist nicht da. Wir mache uns zur nächsten Metrostation auf, mit dem Ziel Baumannskaja, dort befindet sich einer der Kolchosmärkte. An der Dzerschinskaja müssen wir umsteigen un stellen fest, dass es von hier aus leichter fält zur Kosmoslozkaja zu gelangen, wo drei große Bahnhöfe der Eisenbahn beieinander liegen. Zwischen dem Leningrader und dem Jaroslawer Bahnhof ist ein Blumenmarkt. Uns fällt ein Stand auf, an dem Zitronenschößlinge, bewurzelt, mit Blüten und Früchten, verkauft werden. Dann sitzen wir vor dem Jaroslawer Bahnhof auf einer Brüstung und schaue demTreiben zu. Der Kasaner Bahnhof gegenüber bietet eine besonders exotische Kulisse. Eva fotografiert, trotz der Warnungen in aktuellen Reiseführern vor dem Verlust des Films an die Miliz. Denn das Fotografieren von Bahnhöfen, Flugplätzen und anderen infrastrukturellen Enrichtungen ist in der Sowjetunion immer noch verboten. Obwohl jede Menge Uniformierter in der Nähe sind, geht alles gut.

Dann brechen wir zur Baumannskaja auf. Der Kolchosmarkt befindet sich in einem geräumigen Rundbau. Wir fallen dort auf, besonders als wir fotografieren. Es gibt hier ein reichhaltiges Angebot an Obst und Gemüse: Apfelsinen, Zitronen, Äpfel, Birnen, Tomaten, Gurken, Kirschen, grüner Salat, Radischen, Kartoffeln, Rote Beete, Knoblauch, Zwiebeln, Meerrechtich, daneben getrocknete Aprikosen, Rosinen, Haselnüsse, Sämereien, Fleisch, Kräuter, Erdnüsse, Hagebutten. Der mäßige Kundenandrang angsichts solch begehrter Waren weist auf die hohen, zu hohen Preise hin. Ein Ehepaar hinter einem liebevoll trapierten Sämereistand nimmt Kontakt zu uns auf, sie sind so schüchtern wie wir in diesem Moment. Wir machen ein paar Bilder von ihnen und ihrem Stand und schreiben ihre Adresse auf.

In der Nähe der Epiphania-Patriarchatskathedrale betreten wir ein Kooperativen-„Cafe“, in dem an Stehtischen Mittagstisch eingenommen wird. Ein Essen kostet 1 bis 2 Rubel. Es ist voll, das Geschäft floriert. Die Kundschaft dürfte überwiegend von einer Fabrik kommen oder auf dem Weg dorthin sein. Es gibt keinen Alkohol. Eine Türe weiter geht es in ein Cafe, in dem man wirklich Kaffee trinken kann und außerdem Eis bekommt. Es regnet jetzt stärker und der kaum beleuchtete Raum füllt sich mit jungen Leuten, die vielleicht irgendwo eine Ausbildung machen. Das Eis (mit Preiselbeeren) schmeckt ausgezeichnet, dagegen ist der Kaffee so fad wie überall in Moskau.

Wieder auf der Straße lääst der Regen die Regenrinnen und Abflussrohre in Aktion treten, die alle einen guten halben Meter über dem Pflaster enden. Die Passanten werden von oben und unten eingenässt. Bald erreichen wir die Metrostation und sind im Trockenen.

Die Etagenfra im Rossija hat die erhoffte Nachricht über die Reservierung von Restaurantplätzen nicht. Doch um 19 Uhr erwartet uns ein Olympia-Mitarbeiter am Osteingang und geleitet uns in das Restaurant Wostock 2, das wir schon als unser Frühstückslokal kennen. Plaziert werden wir an einem Tisch, an dem bereits, wie sich herausstellt, ein afghanisches Paar sitzt. Die dicke Kellnerin nimmt auf unsere geringen Kenntnisse der russischen Sprache nicht die mindeste Rücksicht und so wissen wir wieder nur ungefähr, was wir bestellt haben. Später entdecken wir, dass es durchaus Speisekarten gibt. Mit unserem Essen sind wir recht zufrieden. Unsere Tischnachbarn möchten Sekt, den man hier Champansky nennt. Die Kellnerin lehnt ab. Wenig später erhält ein neuer Gast am Nachbartisch Sekt. Auf den Widespruch angesprochen lächelt sie stämmige Frau und gibt eine Erklärung, die auf den Gesichtern der Afghani Skepsis hervorruft. Doch der Sekt am Nachbartisch ist nicht gekühlt. Der Korken knallt, der Gast ist bekleckert.

Donnerstag 24. Mai 1990

Dies ist der wärmste Tag unseres Moskauaufenthalts, aber ein dicker Pulli unter dem Jackett ist auch heute meist angenehm. Wir laufen am Moskwa-Ufer entlang, vor uns der gewaltige Zuckerbäckerbau des Hotels Kotelnitscheskaja. Bei einer Anlegestelle fragen wir nach einer Schiffsverbindung zum Gorkipark, doch es scheint keine zu geben oder der Kartenverkäufer versteht uns nicht. Deshalb wenden wir, überqueren die Moskwa auf der nächsten Brücke und wandern am Südufer des breiteren Flussarms auf unser Ziel los. Das schmiedeeiserne Geänder, das den Gehsteig vom Fluß trennt, hat als zentrales Ornament den Sowjetstern. Das gegenüberliegende Ufer wird von den vergoldeten Kuppeln der Kremlkirchen und dem Gebäude des Obersten Sowjets überragt, nach vorn blicken wir auf den mächtigen, grauen Wohn- und Kulturkomplex mit Restarants, Kinos und Theatern aus den Dreißiger Jahren. Auf der Westspitze der Insel zwische den Moskwaarmen stehen heruntergekommene Bachsteinbauten, die am Geruch, der herüberweht, unschwer als Schokoladenfabrik zu identifizieren sind. An der Staatlichen Galerie vorbei erreiche wir die Uliza Krymskij Val. und damit den Haupteinang des „Gorki-Kultur- und Erholungsparks“, kenntlich an dem überdimensionalen Torbau. Aus zahlreichen Lautsprechern dröhnt sowjetische und westliche Schlagermusik. Jetzt, vor 11 Uhr, hält sich der Betrieb in Grenzen, die Cafes und Buden öffnen erst. Auf enem Teic tummeln sich Schwarze Schwäne. Als wir drei Stunden später zurückkommen ist mehr los: Eltern mit Kindern, Paare, Gruppen Jugendlicher flanieren, sonnen sich auf den Parkbänken, fülen die Cafes, fahren Karusell oder Riesenrad.

Wir begeben uns auf den Weg zum Donskoij-Kloster und geraten dabei südlich des Lenin-Prospekts zwishen schäbige Wohnblocks mit verwahrlosten, müllübersäten Grünanlagen. Stellenweise werden Fernheizleitungen repariert, deren Rohrleitngen überwiegend oberirdisch verlaufen und nur sehr provisorisch isoliert sind. Daneben versenken Arbeiter Gasleitungen in Gräben. An das Kloster grenzt westlic ein Friedhof an Wir treten ein und staunen über die Fotografien der Verstorbenen, die an den Grabsteinen angebracht sind. Mitunter sind in die polierten Steine lebensgroße, fotorealistische Porträts eingraviert. Enge herrscht hier, jeder Fleck ist als Grabstätte ausgenutzt. Dichte Baumkronen überschatten den Ort, überall sind schmale Holzbäne für die Hintebliebenen aufgestellt. Christliche Symbole fehlen hier fast gänzlich. Das Kloster ist von einer beeindruckenden Ziegelmauer umgeben. Der Staat hat den Komplex kürzlich der Orthodoxen Kirche zurückgegeben. Er wird renoviert und kann nicht besichtigt werden.

Am Nachmittag fahren wir mit der Metro zur Station Dzershinskaja im Zentrum.

Gelegentlich eröffnen sich überraschende Ausblicke, etwa auf kleine orthodoxe Kirchen mit verspielt wirkenden dunkelblauen, mit goldenen Sternen übersäten, grünen oder gldenen Kuppeln auf zierlichen Türmchen zwischen erdrückenden, grauen Fassaden von Verwaltungsgebäuden. Wir kommen am Dsershinsky-Denkmal vorbei, das an den Gründer des sowjetische Geheimdiestes erinnert und sitzen wenig später auf einer Bank zu Füßen eines steinernen Karl Marx.

FORTSETZUNG demnächst: Galerie Achschabad/Turkmenien