Alma Ata/Kasachstan

Montag 04. Juni 1990, Alma Ata/Kasachstan

Es dämmert, die Fahrt vom provinziellen Flughafen zum Hotel führt nicht durch eine Stadt, sondern durch einen ausgedehnten Park mit eingestreuten, ebenerdigen Holzhäusern. Das Areal steigt nach Süden zu den grünen Vorbergen hin an, überragt von beeindruckenden Schneegipfeln. Oberhalb der verstreuten Altstadt liegt das moderne Stadtzentrum.

Im Hotel Otrar schließt das Restaurant, wenn wir dem Aushang trauen, um 23 Uhr (20 Uhr Moskauer Zeit), doch der Rezeption zufolge um 22 Uhr. Eine halbe Stunde vor Schluss gibt es für uns nur noch einen lauwarmen , fettigen Fraß, der vermutlich schon seit Stunden steht. Nach einem kleinen Spaziergang durch einen nächtlichen Park gehen wir hungrig zu Bett.

 

Dienstag 05. Juni 1990, Alma Ata

Unglücklicherweise liegt das Hotel Otrar dicht an einer vielbefahrenen Straße. Busse fahren in großer Zahl Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Die dröhnenden Dieselmaschinen rauben uns den Schlaf und am nächsten Morgen sind wir zerschlagen und übler Stimmung. Im Halbschlaf erkunden wir zu Fuß die Umgebung. Öffentliche Gebäude, Straßen und Wohnblocks wirken besser instandgehalten als gewöhnlich. Alma-Ata hat eine besondere Atmosphäre, vielleicht ein wenig wie eine Kurstadt. Sogar der Straßenverkehr trägt zu diesem Eindruck bei. Abbiegende Fahrzeuge stoppen meist diszipliniert an den Fußgängerüberwegen, es dauert eine Weile bis wir dem Frieden trauen. Unweit unseres Hotels steht in einem gepflegten Park eine auffällige, bunte orthodoxe Kirche. Der „Park der 28 Panfilow-Gardisten“ beherbergt außerdem die „Gedenkstätte des Ruhms“ für die kasachische Einheit, die im Zweiten Weltkrieg vor Moskau einen Durchbruchversuch der Nazitruppen aufhielt, eine pathetische Scheußlichkeit, – und den rotbraunen Holzbau des Musikinstrumentenmuseums. Nicht viel weiter ist es zum Markt. Er hat längst nicht Taschkenter Dimensionen, wirkt aber bei Obst und Gemüse gut sortiert. Die Klagen über die hohen Preise hören wir auch hier. Mittags erhalten wir auf unseren dringenden Wunsch ein Zimmer auf der von der Straße abgewandten Rückseite des Hotelgebäudes. Unsere Stimmung beginnt sich zu heben.

Am Nachmittag laufen wir auf den Leninprospekt, der allmählich spürbar ansteigt, nach Süden und finden linker Hand die Talstation der Seilbahn. Wenig später stehen wir auf der Plattform der Bergstation auf der Anhöhe Kok-Tjube am südöstlichen Stadtrand. Keiner der Fahrgäste verlässt das Stationsgebäude, die Türen sind versperrt. Man schickt sich an vollzählig mit der Gondel wieder hinabzufahren. Auf Evas Frage zeigt uns der Schaffner im letzten Moment einen Weg hinaus. Die Anstrengung lohnt sich für die prächtige Aussicht auf die knapp 5000 Meter hohe Kette des Kungei Alatau und den Pik Talgar. Kolonien von Wochenendhäusern haben sich weit in die Vorberge hineingefressen. Ein Restaurant im Jurtenstil finden wir als Ruine vor, deshalb verlässt niemand die Seilbahn. Auf den Hängen, über die wir uns den Weg zurüc in die Stadt suchen, blühen zwischen halbfertigen Datschen üppig die verschiedensten Blumen, überragt vom Betonturm des Fernsehsenders. Jetzt, am Nachmittag, ist es ungefähr dreißig Grad warm und der Weg zurück ist weit.

 

Mittwoch 06. Juni 1990, Ausflug von Alma Ata nach Medeo und in die Berge

Den Gipfeln, die wir gestern noch als schneebedeckte Kulisse südlich von Alma Ata bewunderten, kommen wir heute sehr viel näher. Intourist macht´s möglich. Ein Wolga mit kasachischem, perfekt deutsch sprechenden Betreuer und russischem Fahrer bringt uns zum Hochgebirgsstadion Medeo, 17 Kilometer von der Stadt entfernt und 1690 Meter hoch. Üblicherweise würde hier, am Fuß eines mächtigen Erddamms zum Schutz vor Schlamm- und Gerölllawinen, die Fahrt enden. Man besichtigt den „Kasachischen Aul“, eine Ansammlung von Jurten, teils Museum, teils Hotel, teils Restaurant, man kann dort sehr gepfegt im kasachischen Stil speisen und wird danach wieder im Hotel abgeliefert. Für unseren Ausflug ist die doppelte Zeit, das sind sechs Stunden, vorgesehen. Unser Bettreuer, ein hochgewachsener, sportlicher Typ mit mongolischem Gesichtsschnitt, schlägt vor, mit dem Sessellift weiter hinaufzufahren und wir sind einverstanden. Um die eineinhalb Stunden Fußmarsch bis zur Talstation des Lifts abzukürzen, hält unser Begleiter einen Lastwagen an, der sich mit einer Ladung Erdaushub die asphaltierte Piste hinaufquält. Er hat den Fahrer, einen flüchtigen Bekannten, erkannt. Eng im Führerhaus zusammengedrängt sparen wir unsere Kräfte. Die schlanken kasachischen Fichten, angeblich ein Urwald, beginnen gerade zu blühen. Am späten Vormittg ist es windstill und sommerlich warm.

In zwei Etappen befördert uns der Sessellift über Bergwiesen mit auffälligen Blumen, manchmal fast zum Greifen nah, mitunter sehr tief unter uns, schließlich über Schneereste auf zirka 3200 Meter Höhe. Wir befinden uns am Ausgangspunkt für Bergwanderer und Bergsteiger, eben stapft eine Gruppe los, Beginn einer mehrtägigen Tour.

Bevor wir uns mit der faszinierenden alpinen Vegetation eingehender beschäftigen können, drängt unser Begleiter zur Rückfahrt. Etwas verwirrt und widerwillig folgen wir. Auf dem anschließenden Marsch von der Talstation des Lifts nach Medeo berichtet der Intouristbetreuer, der übrigens Geschichte studiert hat, von seinen beruflichen Frustrationen . Er schwört auf die Ankurbelung des Tourismus, doch die örtliche Intouristleitung ist an den Vorschlägen für erweiterte Programme nicht interssiert. Durch Privatinitiativen wie die, in deren Genuss wir gerade noch sind, lässt sich die Ignoranz der Chefs nicht ausgleichen. Er erhält als Berufsanfänger nur 120 Rubel im Monat, ein erbärmlich niedriges Gehalt, das für eine vierköpfige Familie reichen soll. Er lebt als einziger Sohn, der kasachischen Tradition gehorchend, im Hause der Eltern und hat auch zu deren Versorgung beizutragen. Die angekündigten Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel beunruhigen ihn sichtlich. Bald weitet sich das Gespräch auf andere Themen aus. Konflikte zwischen den Nationalitäten gebe es in Kasachstan glücklicherweise noch nicht. Als Ursache der Streitigkeiten in anderen Republiken der UdSSR nennt er die verschlechterte Versorgung mit Konsumgütern. Er beklagt die niedrige Arbeitsmoral, hält die Deutschen in Kasachstan für die besten Arbeiter, leider verließen sie für eine sehr ungewisse Zukunft das Land. Er wiederholt einen Satz, den wir nun schon öfter vernommen haben: „70 Jahre Sowjetsystem sind genug!“ Sein optimistischer Glaube an die Segnungen des Kapitalismus ist durch Gegenargumente der Reisenden aus dem kapitalistischen Deutschland, die am Beispiel der „Dritten Welt“ vermitteln wollen, dass die Rechnung „Kapitalismus ist gleich Reichtum“  nicht zwangsläuig aufgeht, offenbar nicht zu erschüttern. Von einem Historiker mit dem Spezialgebiet sowjetisch-westdeutsche Beziehungen hätten wir uns eine etwas differenziertere Sicht erhoftt. Einen reformierten Sozialismus will er nur, wenn der wie in Schweden ist.

Im Kasachischen Aul endet unser Marsch talwärts, zuletzt knieweich über endlse Stufen im Schutzwall oberhalb von Medeo. In einer Jurte zwischen Apfelbäumem erwartet uns ein Festessen. Um 15:30 Uhr sind wir mit unserem Fahrer verabredet.

 

Donnerstag 07. Juni 1990, Alma Ata

Die Verabredung für eine nicht ganz legale Fahrt in die kasachische Ebene ist geplatzt. Ersatzweise laufen wir zum Zentralmuseum. Ein protziger, moderner Bau beherbergt ausgesprochen sehenswerte Sammlungen: Knochenfunde prähistorischer Tiere, Versteinerungen, Hinterlassenschaften steinzeitlicher Menschen, Funde aus Ausgrabungen der Kulturen, die in Kasachstan existierten, umfangreiche ethnografische Sammlungen, die das Leben der Nomaden dokumentieren und nicht zuletzt Zeugnisse aus der jüngsten Geschchte, zuum Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Zentralmuseum der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik hat internationales Niveau, misslich ist nur die ausschließlich russische Beschriftung sämtlicher Exponate.

Ein paar Stunden später wandern wir über den ehemaligen Breshnev-Platz, der jetzt Platz der Republik heißt und die lokale Kopie des Moskauer Roten Platzes ist, zum Botanischen Garten. Die Berge sind heute in Dunst gehüllt, aber hier unten hat die Sonne den Hochnebel aufgelöst, die Temperatur beträgt 28 bis 30° Celsius. Wie alle russischen Kolonialstädte aus der Zarenzeit wurde Alma Ata sehr großzügig, mit breiten Straßen und vielen Grünflächen angelegt. Für uns als Fußgänger wird das sinnlich erfahrbar, es ist ein weiter Weg, und weit und breit ist kein Restaurant zu entdecken. Kurz vor dem Ziel führt die Straße über eine unscheinbare Brücke. Der Gebirgsbach der hier fließt, ist ein Opfer sowjetischer Tiefbauingenieure. Das Wasser fällt über betonierte Stufen, die Ufer wurden „ordentlich“ betoniert, man kennt das auch aus Deutschland…

Der Botanische Garten, von Reiseführern lobend erwähnt, ist als solcher kaum zu erkennen. Wäre nicht die Glaskuppel des Tropariums, man wähnte sich in einem ausgedehnten verwilderten Stadtpark. In einem entlegenen Teil des Geländes parkt ein Omnibus. Auf dem Rasen hinter einer Hecke liegt ein Dutzend Abeiter im Gras, schlafend. Bleiben die Rosenrabatten zu erwähnen: Hier konkurieren Rosensträucher verschiedenster Sorten mit dem Unkraut. Personal in weißen Kitteln überwacht neue Kreuzungen.

Des Laufens müde nehmen wir für den Rückweg die betagte Straßenbahn. Fahrscheine gibt es für alle Verkehrsmittel an Kiosken, der Preis beträgt enheitlich 5 Kopeken.

Abends unterhält im Hotel Otrar eine Jazzband die Gäste. De Musiker sind nicht schlecht, vorallem spielen sie mit vertretbarer Lautstärke. Nach den Angriffen auf das Gehör, die uns in anderen Hotels widerfahren sind, empfnden wir Dankbarkeit. Nicht so das übrige, heute fast ausschließlich einheimische Publikum. Erst als die Band ein paar Beatles-Schnulzen auflegt, beginnen einige Paare unbeholfen zu tanzen. Ein anderes Ensemble spielt ein Stockwerk tiefer auf, dass die Wände wackeln. Es ist die Art von Musik, die scheinbar in der gesamten UdSSR am besten ankommt. Man benötigt dafür elektronische Instrumente, viel Sythesizer, die Motive sind von der Folklore beeinflusst, gehörschädigend laut argeboten. Dann kommt Stimmung auf.

Derweilen trifft sich auf der Terrasse des Hotel die Jugend. Sehen und Gesehenwerden ist so wichtig wie bei uns. Augenscheinlich wenden insbesondere die Damen enorm viel Zeit und Energie für das Outfit auf. Die Kosmetikindustrie floriert, jedenfalls herrscht kein Mangel an Kosmetika. Fast alle Frauen machen davon Gebrauch, nicht selten exzessiv. Die stereotypen Klagen über die verschlechterte Versorgung mit Konsumgütern und die ausgelassene Boomtown-City-Stimmung scheinen sich zu widersprechen. Das Vergnügen am Konsum ist jedenfalls unübersehbar.

 

Freitag 08. Juni 1990, Alma Ata

Es ist ein heißer Vormittag. Mit dem Bus fahren wir für 10 Kopeken pro Person nach Medeo in die Berge. Wir haben Stehplätze in der Nähe eines Fahrscheinentwerters gefunden und so fällt uns die Aufgabe zu, die Tickets, die man uns reicht, zu lochen und zurückzugeben. Da der Bus ziemlich überfüllt ist, müsste jede andere Methode, abgesehen vom Schwarzfahren, versagen. Als wir aussteigen, präsentieren sich die Gipfel des Gebirges vor grauem Himmel. Während wir an einem Grillstand um Fleischspieße anstehen, beginnt es zu regnen. Aus der geplanten Wanderung ohne Intourist, ungestört in der Natur, wird nichts. Wir sitzen in einem schmucklosen Selbstbedienungsrestaurant fest, bis der Regen etwas nachässt. Im Warteraum der Buslinie 6 nach Alma Ata haben sich ene Menge Leute angesammelt. Die Temperatur ist rapid gefallen. Als sich der Bus nähert, stürzen alle gleichzeitig ins Freie um Einzusteigen, versuchen es zumindest. Doch die Panik war verfrüht, der Bus fährt ein Stück weiter, der Fahrer hat Pause. Ein paar Minuten später wird es ernst. Der Fahrer öffnet die Türen und die viel zu große Menge versucht schiebend, stoßend, zerrend, ohne Rücksicht auf Verluste in den Bus zu kommen. Ein entwürdigendes Schauspiel, das wir auf unserer Reise nicht zum ersten Mal erleben. Wir gehören zu den Letzten, die hineingepresst werden, fast alle passen irgendwie in das Vehikel, das völlig überladen die Haltestellen ignoriert. Am Lenin-Palast, einer Kongresshalle, gelangen wir auf die gleiche Art wieder aus dem Bus hinaus und erholen uns ersteinmal auf einer Parkbank von den Strapazen. Kurz darauf holt uns der Regen ein und wir flüchten ins Hotel. Dort erfahren wir an der Rezeption eher zufällig, dass unser Abflug nach Irkutzk, Sibirien, um 12 Stunden vorverlegt wurde, statt im Morgengrauen ist unsere Ankunft in Irkutzk nun am Nachmittag vorher vorgesehen.

 

FORTGESETZUNG IN DER GALERIE LISTWJANKA/BAIKALSEE

 

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